Musik0049's Blog











{September 28, 2010}   Ulita Knaus – „Tambor“

Tambór ( tam`bor) m Trommel f; Trommler m; Stickrahmen m; a (od. con) – batiente X mit klingendem Spiel

Ganz gleich, aus welchem Grund Musik erfunden wurde – dass sie auch im 21. Jahrhundert definitiv bezaubern kann, zeigt die Hamburger Sängerin Ulita Knaus mit ihrem neuen Album „Tambor“. Dieser Stimme liegen Männer und Frauen gleichermaßen zu Füßen. „Sie ist die Sonne, sie ist das Licht“ heißt es in einem ihrer Songs. Das Stück feiert das Charisma einer bezaubernden Frau – im Grunde das Thema des gesamten Albums.

Von einer selbstgefälligen Jubelarie ist „Tambor“ allerdings meilenweit entfernt. Schließlich ist Ulita Knaus als gelernte Jazzmusikerin vor allem eins: Teamplayer. Gemeinsam mit Tino Derado am Piano, Roland Cabezas an der Gitarre, Bassist Achim Rafain, Schlagzeuger Ole Seimetz und dem Perkussionisten Túpac Mantilla hat sie im Hamburger Peer Studio intensiv gearbeitet und ihre musikalische Vision für das neuen Jahrzehnt umgesetzt. Als Komponistin neben ECHO-Preisträger Frank Ramond (u.a. Udo Lindenberg, Roger Cicero, Ina Müller, Annett Louisan) fand sie mit ihrem fünften Album den Weg zurück zu ihren Wurzeln: Latinpop, lateinamerikanische Folklore, Weltmusik. Bei Ulita Knaus ist alles im Fluss, und mit geradezu kindlicher Neugier und Abenteuerlust stürzt sie sich auf Altes und Neues, auf Großes und Kleines – und auf die ständig erneuerbare Energie des Lebens: die Liebe.

Aus Jazz, Latin und afrikanischen wie europäischen Traditionen schafft Ulita Knaus eine so ambitionierte wie eingängige und wohltuende musikalische Melange, durchpulst von einem rhythmischen Perpetuum mobile. Ticken und trommeln, rasseln und rauschen, schaben und schütteln – Der Perkussionist haucht Ulita Knaus’ Klanglandschaften den Rhythmus des Lebens ein. Dieser perkussiven Magie kann man sich einfach nicht entziehen. Und dann die Texte! Sie bringen das Lebensgefühl im Hier und Jetzt zur Sprache, die lichten Momente der Liebe im schwarzen Meer des Alltags, poetisch, witzig, wortgewaltig – und auf Deutsch. Frank Ramond hat sie auf die von Ulita Knaus komponierten Melodien geschrieben. Note für Note, Wort für Wort. Und so verschmelzen in jedem Knaus/Ramond-Song Sprache und Musik zu einem untrennbaren Ganzen aus Wörtern und Noten, Metaphern und Rhythmen, Bildern und Klangfarben.

Bereits der Opener „Eh passieren“ zelebriert die Musik als elementaren Ausdruck von Lebensfreude und Lebenslust, als hochgradiges Aphrodisiakum mit garantierter Wirkung: „Eins wird zum andern führ’n / Kopf wird kapitulier’n / Es wird doch eh passier’n“. Die Sprache schmiegt sich an die vielschichtige Rhythmik, die von den Klängen einer Ududrum eingeleitet wird.

Über einem von schwerblütigen Klavierbässen angetriebenen Reggae-Groove erzählt „Bester Lover“ anspielungsreich und doch dezent von den Freuden der körperlichen Liebe. Dass diese nicht ungeteilt bleiben, gibt diesem fiktiven Telefonat zwischen besten Freundinnen genau das richtige Quäntchen dramatischer Ironie, das auch den Folgetitel „Marktwert“ auszeichnet. Der Beat treibt den Uptempo-Song dynamisch nach vorne. „Komm, wir brezeln uns auf / Und fahren durch die Nacht / Da woll’n wir doch mal sehen / Wer uns Augen macht!“, heißt es im Refrain. Und dann mutieren Wörter zu eigenständigen Perkussionsinstrumenten: „Wir checken deinen Markt-, checken deinen Marktwert aus!“ Man müsste noch mal 20 sein? Pustekuchen! Für Ulita Knaus steht fest: Auch als erwachsene Frau kann man ziemlich viel Spaß haben. Und Diskotheken, Handy, Facebook und die besten Freundinnen sorgen dafür, dass der Spaßfaktor steigt.

Ihre enormen Qualitäten als Komponistin und Sängerin stellt Ulita Knaus mit der hymnisch angelegten, polyrhythmisch grundierten Ballade „Sie ist das Licht“ eindrucksvoll unter Beweis. Ob die Frau, die sie besingt, in Wirklichkeit nicht vielleicht doch ein bisschen auch sie selbst ist? Dass die einfachen Fragen oft die schwierigsten sind, zeigt sich in dem afro-karibischen Kettenlied „Warum?“. Warum brauchen wir eigentlich Autos? Warum müssen die Menschen eigentlich essen? Warum müssen sie arbeiten? Konkrete Kinderfragen eben. Wie kompliziert die Antworten sein können, weiß Ulita Knaus genau. Schließlich hat sie zu Hause einen dreieinhalbjährigen Sohn. In diesem Alter fragen Kinder einem bekanntlich Löcher in den Bauch.

Und was ist mit Erwachsenen? Ein bisschen fragwürdig sind sie schon, die Lebensgeschichten von Menschen, die Sabine, Reiner, Nicole, Volker, Petra oder Frank heißen. Diese Namen stehen stellvertretend für eine Generation, und auch unter deren Mitgliedern trägt jeder sein Kreuz. Nichts Schlimmes, aber eine Ehe mit Hund, ein Konto im Soll, eine Party ohne Gäste entsprechen bei den meisten Menschen nicht unbedingt dem Traum vom Glück. Und wie ist es mit zwei Pferden auf der Weide oder einer Wohnung in Malente? Wieder Fragen über Fragen. Ulita Knaus stellt sie blues´ig unterlegt, umweht von leicht melancholischen Akkordeonklängen in „Und wie heißt du?“ Sage mir wie du heißt, und ich sage dir, wer du bist.

Ihrem Sohn widmet Ulita Knaus die Ballade „Du bist es wert“. Das Leben als Mutter – nachdenken im Dreivierteltakt. „Kein Fun, kein Film, kein Flirt?“ Es gibt Zeiten, in denen es wirklich Wichtigeres gibt. Job, Sport, Popkonzert? Später bestimmt wieder. Das Stück feiert diesen leicht wehmütigen aber auf jeden Fall hoch beglückenden Zustand mit ausgefeilten Gesangsharmonien und getragenem Rhythmus. Eher in Moll kommt anschließend „Lass mich gehen“ daher. Es geht um die nicht selten komplizierte Beziehung zwischen Frau und Mann, das bittersüße Spiel zwischen Herz und Verstand, die Magie des Augenblicks und die Aussichtslosigkeit einer gemeinsamen Zukunft: „Bitte lass mich geh’n, so lange mein Herz sich noch wehrt“.

Auf ein musikalisch-erotisches Spiel der Worte und Klänge lässt sich Ulita Knaus dann in „Feuer im Zaum“ ein. Cajón und Flamenco-Gitarre befeuern das Paar beim sinnlichen Pas de deux. „Du bist gut für mich / Du bist Wein und Blut für mich“, heißt es im Refrain. Doch was wirklich zählt, ist die pure Emotion – „Genug der Worte, denn jetzt will ich das alles noch mal!“ Zurück zum Jazz geht’s mit „Später ist jetzt“. Die kleinen Utopien, die großen Träume, die perfekten Pläne. Was passiert, wenn die Zukunft längst da ist, ohne dass sie stattgefunden hat? Ulita Knaus gibt Entwarnung: „Das Blatt kann sich noch wenden / Vielleicht ist alles halb so schlimm“. Trotzdem tickt die Uhr natürlich weiter – mit perkussiver Präzision.

Auf die sanfte Liebeserklärung „Nur bei dir“ mit verträumtem Akkordeon und einem so liebevoll wie komplexen hingetupftem Rhythmusmosaik folgt mit „Bevor dich eine andere bekommt“ die dritte große Ballade des Albums. Gitarre, Klavier und Perkussion umspielen Ulita Knaus’ Stimme, die dieses ungewöhnliche Liebeslied als verheißungsvoll glitzerndes und kostbares Kleinod inszeniert. Schwebend und doch bestechend selbstsicher berichtet die Sängerin von einer Art Liebesauktion. „Wer hebt als Erste die Hand?“ Keine Frage: „Ich biete 1.000 Küsse mehr / Auf jeden Fall / Als jede andere im Saal“.

Der Songreigen verklingt mit „Früheres Leben“ – eine musikalische Kurzgeschichte über eine zufällige Begegnung. Tagtraumhaft gleiten Bilder vorüber, umperlt von einem fein ziselierten Piano-Riff. Doch auf einmal ist die Realität wieder da, bereichert um eine weitere schöne Fantasie – und ein traumhaftes Klaviersolo.

„Tambor“ zeigt einmal mehr, dass Ulita Knaus zweifellos eine der ganz großen Stimmen der europäischen Jazzszene ist. Dabei schickt sich diese Stimme an, die Grenzen des Jazz zu überschreiten und die Türen zum Pop weit zu öffnen. Selbstbewusst, virtuos, abenteuerlustig – eine Frau mitten im Leben: Musikerin, Mutter, Mensch des 21. Jahrhunderts.

Album: Tambor
VÖ 24. September 2010

www.artiberlin.de



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